artist statement
Mein künstlerisches Interesse gilt dem Menschen und seiner Umwelt, bzw. dem Menschen in seiner Umwelt – und dabei insbesondere Transformation und Vergänglichkeit.
Ich bin fotografisch unterwegs und auch installativ. Die Ergebnisse meiner Installationen und in-situ-Arbeiten halte ich in Fotografien fest. Mit der Vergänglichkeit von Gegenständen und auch toten Tieren beschäftige ich mich in Stillleben und Scannogrammen.
Seit 2024 erweitere ich mein Arbeiten auch um Objekte.
Besonders Orte und Landschaftsräume, mit denen ich Verletzung(en) verbinde, fordern mich heraus, in ihnen zu installieren oder performativ einzugreifen.
Zu meinen Schwerpunkten gehörte dabei z.B. die Arbeit in ehemaligen Räumen einer forensischen Klinik sowie in einem stillgelegten Schlachthof und weiteren Kliniken..
Bei den geschlossenen Räumen, in denen ich vielfach arbeite, handelt es sich oft um verlassene und entfunktionalisierte Orte. In den Zeiten ihrer Nutzung ging es in den meisten von ihnen um Ausnahmesituationen menschlichen und tierischen Lebens (Forensik, Klinik, Schlachthof, Kapelle). Es sind Orte, die nach eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten funktionierten und in denen auch aktuell ‚Sondersituationen’ herrschen. Die ‚Toten’- Stille in verlassenen Räumen bedeutet für mich Verdichtung. Indem ich Gegenstände in diesen Räumen installiere, eigne ich mir sie für den Moment des Arbeitens an. Ich arbeite bewusst in Stille.
In den Fällen, in denen es um Verletzungen ging, die in den Räumen stattgefunden hatten und in vergleichbaren Räumen heute leider noch stattfinden, ist mein Ziel die Transformation in eine symbolische Versöhnung. Die schwere Vergangenheit soll eine metaphorische Wiedergutmachung erfahren. Die physische Ausübung meiner `Eingriffe´ hat für mich eine rituelle Komponente.
Meine in situ-Arbeiten in der Natur nahmen ihren Anfang in einer niederländischen Wattlandschaft. Das Naturschutzgebiet verstärkte meine Sensibilität Klimafragen gegenüber. Die `Guardians of nature´ sind `Hüter der Natur´, die an exponierten Stellen in der Landschaft positioniert sind und mit dem sie umgebenden (Natur)Raum interagieren. Die Installationen sind bisher auf einer friesischen Insel, am Niederrhein, in einem Seengebiet in Finnland sowie auch an unterschiedlichen Orten Japans und in Paris entstanden. Die `Hüter´ haben verschiedene Ausprägungen: Mal verbinden sie sich als `Geist´ mit einem Naturphänomen. Mal ermöglichen sie Assoziationen zu Emotionen wie Furcht, Sorge, Hoffnung etc. aus oder aber sie verrichten als `Gottheit´ eine rituelle Handlung wie z.B. das Segnen eines fruchtbaren Ackerlandes. Sie tauchen als `Geist´ auf oder als `Beobachter´. Die Serie ist ongoing.
Wandel und Vergänglichkeit sind auch die Themen unter meinen Stillleben. Wäscheklammern, ein alter Lippenstift…. Die Dinge begegnen mir in der eigenen Küche, im Supermarkt, auf Flohmärkten und in Second Hand - Läden. Ich erstehe, was mich anlacht, mich rührt, was Assoziationen in mir weckt. Ich isoliere die Gegenstände aus ihrer üblichen Umgebung und kombiniere sie in neuen, unvertrauten Arrangements. Gerne wähle ich etwas Textiles oder auch Keramik und Porzellan.
Gegenstände vergangener Zeiten haben ihren besonderen Charme. Sie tragen Spuren des eigenen Lebens oder des Lebens Unbekannter und verweisen über sich hinaus. Sie können Träger von Assoziationen und Stimmungen sein, die sowohl auf die Gegenwart als auch auf die Vergangenheit gleichzeitig anspielen.
Vergänglichkeit macht demütig. Vielfach sprechen mich kleine Helfer des Alltags besonders an und dann vor allem in der Form, die sie `früher´ mal hatten: das alte Bügeleisen- noch mit Holzgriff, das kleine Nähetui mit Fingerhut und Scherchen- wo doch heute keiner mehr stopft.
Die meisten der Gegenstände scheinen banal, veraltet, funktionlos und werden deshalb vielfach übersehen. Indem ich sie entdecke und fotografiere, erwecke ich sie wieder zum Leben. Mit ihren teils ungewöhnlichen oder auch unpassenden `Partnern´ gehen sie eine Liason ein, die ihnen zu einer neuen Rolle verhilft.
Auch tote Tiere oder Teile von ihnen bringe ich heim. Den Kopf des Bastölpels, die Ente, die kleine Maus. Ich bin mit Gummihandschuhen unterwegs und trage meine Schätze nach Hause. Oder fotografiere sie direkt vor Ort. Die sterblichen Hüllen bzw. die eigentlich traurigen Überreste eines Tieres verweisen über das Tier hinaus. Auch das tote Tier strahlt Würde aus.
(Nicht erst) Seit 2024 ist mir deutlicher geworden, dass auch die Situation der Frauen in meinem Denken und Schaffen eine größer werdende Rolle spielen. Dies mündete Ende 24 in der Erstellung von entsprechenden thematischen Objekten. Leider ist es so, dass die gesellschaftliche Situation für Frauen nach wie vor benachteiligend ist. Dies drückt sich auch in meinen Arbeiten aus.
jutta biesemann, 2025