Hier gibt es Texte, die auf Reisen und anderswo entstanden sind.
Perfekt organisiert und blitzblank
Nicht erst bei der WM konnten die Deutschen es erfahren: die Japaner legen Wert auf Sauberkeit. Jeder Reiseführer enthält eine ausführliche Beschreibung der japanischen Supertoiletten und auch der Verhaltensregeln für den Gang zum stillen Örtchen.
Auf die vielen Funktionsweisen der Toiletten möchte ich hier nicht näher eingehen (die liebste davon ist mir der warme Sitz), wohl aber darauf, wie ‚angstfrei‘ man als Deutsche auf Autobahntoiletten gehen kann. Von dieser Sauberkeit, Organisation und Hygiene können wir uns viel anziehen.
Direkt im Eingangsbereich zeigt einem eine elektronische Übersicht, welche der Kabinen frei sind. Der lange Gang vor einem ist blitzblank. In kleinen Nischen im Waschraum stehen Blumen. Eine ‚gute Fee‘ ist quasi ständig anwesend.
Nur in der Autobahnraststätte muss man beim Gang zur Toilette die Schuhe nicht wechseln. Ansonsten wechselt der Japaner seine Schuhe nahezu immer beim Betreten eines Privathauses und vielfach auch beim Restaurantbesuch. Überall stehen im Eingangsbereich Regale, in die man die eigenen Schuhe stellt. Dann betritt man über eine kleine Stufe den Innenbereich. In Hotels und Gasthäusern stehen Slipper bereit. In guten Unterkünften sind die entsprechenden Schuhe sogar in ‚desinfiziert‘ und ‚getragen‘ sortiert.
Vor den Toilettentüren befinden sich erneut Schuhe, an den Umkleiden in Kaufhäusern und an der Tür in den Garten natürlich auch. Sogar beim Betreten eines Museums vorgestern mussten wir die eigenen Schuhe in Plastikbeutel packen und mit durch die Ausstellungsräume tragen.
Man kann es lästig finden - vor allem, wenn man Schnürschuhe trägt- aber die Sauberkeit der Böden (und nicht nur der Böden) tut gut. Wir konnten meine Freundin Masako gut verstehen, als sie auf unsere entsprechende Nachfrage ehrlich zugab, dass viele Japaner Deutschland als ‚dreckig‘ empfänden.
Jutta Biesemann, März 2024
Eine wunderbare Ausnahme
Über die Dämpfe der Onsen und Bäder und ihren fotografischen Reiz habe ich mich kürzlich schon ausgelassen. Heute geht es um eine besondere Ausnahme: ein kleines Privatbad, in dem wir zum einen alleine waren und zum anderen ich dadurch bedingt auch ein paar schnelle Fotos machen durfte.
Neben den großen Schwefelbädern, in die unzählige JapanerInnen und auch Touristen strömen, gibt es in den einzelnen Wohnvierteln auch entsprechend kleine Bäder, die für die Viertelbewohner sind. Da wir immer nur in guesthouses oder hostels übernachten, die nicht im Zentrum liegen, sondern in solchen Wohnvierteln, gehen wir oft in diese kleinen Bäder.
Mittlerweile kennen wir die meisten der Regeln, die man beachten muss. Schuhe in die Schuhbox, auskleiden, Waschschüssel und kleinen Plastiksitzhocker nehmen, einseifen, abspülen, ins warme Wasser, genießen und dann die ganze Tour rückwärts.
Anfangs wurden wir freundlich - liebevoll - energisch auf die einzelnen Stationen verwiesen. Inzwischen werden wir zunächst kritisch beäugt und dann, wenn die anwesenden Damen merken, dass wir uns korrekt verhalten, freundlich integriert. Und natürlich diskret beguckt. Ich bin mit meinen 1,78 m deutlich länger als jede ältere Japanerin und für meine Freundin mit 1,69 m gilt das ebenfalls noch.
Für uns ist das warme bis heiße Bad nahezu wichtig in diesem Land, das seine Räume mit Aircondition heizt und dessen Fenster und Türe einem das Gefühl vermitteln, dass man - was die Wärme betrifft- in einem quasi nach außen ungeschützten Raum sitzt.
Fotografieren ist in diesen Bädern natürlich verboten. Von daher kommt jetzt ein Bericht über eine Ausnahme: Vor drei Tagen waren wir ‚bei uns um die Ecke‘ in einem dieser Privatbäder Keine andere Dame war anwesend. Auf der Männerseite hinter der Trennwand herrschte rege Unterhaltung.
Wir vollzogen unser Ritual und als wir in den Ankleidebereich zurückkamen, war immer noch keine andere Besucherin anwesend. Die Besitzerin, eine 80-jährige Dame, thronte wie üblich etwas erhöht im Kassenbereich auf der Mittellinie zwischen Männer- und Frauenbad. Ihre Tochter war auf unserer Seite und hatte sichtlich Spaß an ihren Gästen.
Dieses Bad war in noch einer dritten Hinsicht eine Ausnahme: Nicht nur, dass wir die einzigen waren, nicht nur, dass mir das Fotografieren gestartet wurde, es war auch in der Hinsicht ein besonders Bad, dass in dem Raum ein charmantes Chaos herrschte und die Damen sich obendrein ein Zubrot verdienen zu wollen schienen, indem sie den einen oder anderen Gegenstand zum Verkauf anbieten. Es war ein herrliches Sammelsurium zwischen Badartikeln und den Verkaufsobjekten.
Als mir nicht nur das Fotografieren erlaubt wurde, sondern Mutter und Tochter sich auch selber für ein Foto in Pose brachten, hüpfte mir das Herz im Leibe vor Freude!
Jutta Biesemann, März 24
Fuji, Matcha, Kitty und Co oder die Ästhetik des Verpackens
Zugegebenermaßen bin ich lange nicht als Touristin in Deutschland unterwegs gewesen. Ich frage mich, ob wir in Deutschland einen Gegenstand haben, den wir so als Souvenir und Landesmerkmal vermarkten, wie beispielsweise die Niederländer ihren Käse, die Mühlen oder die Tulpen. Mir fallen nur eher regionale Souvenirs wie die Kuckucksuhr im Schwarzwald, das Ampelmännchen in Berlin oder zum Beispiel der Dresdner Stollen ein.
Für die Japaner gilt dasselbe wie für unsere westlichen Nachbarn: Hier gibt es einige Dinge, die dir überall begegnen. Und dabei in so vielen - zauberhaften- Varianten, dass einem (mir) das Herz im Leibe lacht.
Da wäre an allererster Stelle der ‚Nationalberg‘ Fuji. Oder liebevoll Fuji-san genannt (Das Suffix -san wird für vertraute Personen genutzt).
Die Abbildung des ‚Heiligen Berges’ gibt es natürlich auf zig Süßigkeitenverpackungen; es gibt sie auf Registerierkassen, auf Straßenschildern, Bussen und Gullideckeln, auf Mützen, Dosen und und und. Sehr besonders war der entsprechend farbig gesprühte Steinhügel vor einem Hotel.
Was für den Fuji gilt, gilt auch für Hello Kitty und für Matcha, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen. Alls immer umwerfend ästhetisch verpackt.
Verpacken ist in Japan Tagesgeschäft und dieses Tagesgeschäft wird auf ganz hohem Niveau ausgeübt. Man kann überall Tücher, kleine Tüten und Beutel mit verschiedenen traditionellen Motiven kaufen, in die Gegenstände verpackt werden.
Jede Packung, die man kauft, ist kunstvoll gestaltet. Damit man als Käuferin erkennen kann, was sich genau in einem Karton befindet, gibt es in den Regalen eine Version des entsprechenden Gegenstandes, bei der der Deckel durch eine transparente Oberfläche ersetzt wurde, die den Blick auf das Innere ermöglicht.
Leider ist es uns mit einem kleinen Trolley reisend nicht möglich, größere Mengen dieser Kunstobjekte mitzunehmen. Vielleicht sollten wir nächstes Mal mit einem größeren Koffer reisen.
Jutta Biesemann, März 2024
Yokohama Triennale
Lange bin ich nicht mehr so ‚geschlagen‘ und auch erschlagen aus einer Kunstausstellung gekommen wie aus dieser Triennale.
‚Wild Grass: our lives‘ - so der Titel der Veranstaltung- „is a theme that speaks of humble humanism, courage, resilience, faith and solidarity “ - so der einführende Text. Und noch ein Zitat: „The interlocking crises of the recent years have not only revealed the fragility of human existence, but also exposed the limitations of the design of the 20-th century political and social institutions.“
Diesem Statement entsprechend wird auf visuell sowie akustisch laute Art eine Vielzahl gesellschaftlicher Themen und auch konkreter Situationen künstlerisch dargestellt.
Die Eindringlichkeit, mit der das geschieht, hat bei mir zu der oben beschriebenen Reaktion geführt. Da gibt es zum Beispiel mehrere Videos von Tomas Rafa. Rafa dokumentiert seit 2009 politische Proteste in Europa. Auf der Triennale hier sind von ihm z.B. ein Beitrag zu Anti-Rechts-Demonstrationen in Dresden, ein Video über eine Veranstaltung, die sich gegen Roma richtete oder auch eine Dokumentation einer Aktion gegen Flüchtlinge zu sehen. Zu den bedrückenden Bildern der Auseinandersetzung z.B. zwischen den Neo-Nazis und der Polizei in Dresden, kommt der laute Ton der skandierendem Meute, die jede Ecke des Ausstellungsraumes füllt.
Eine andere sehr berührende Arbeit ist von Eiko Otake. Die in New York lebende Performancekünstlerin hat Fukushima mehrfach nach der Katastrophe besucht. Begleitet wurde sie von einem Fotographen, der ihre Aktionen im verseuchten Gebiet fotografisch festhielt. Das Material wurde dann zum Film montiert. Unterlegt wurden sparsam eingesetzte Infos.
Natürlich gibt es außer Videos auch Malerei, Objekte und auch Installationen. Allesamt keine leichte Kost, wie die Beispiele der Arbeiten von Aneta Grzeszykowksa (Fotografie), Stephane Mandelbaum ( Gemälde) und Dohi Miho ((Objekt) zeigen.
Um den Begleitteyt noch einmal zu zitieren: „The mix of political hegemony, escalating ideological rivalries, and clashes of civilazations exerts an ongoing corrosive and destructive effect on the well-being of the contemporary world.“. Diese Ausstellung trägt eindeutig dazu bei, dass einem das (noch) bewusst/er wird.
Jutta Biesemann, März 24
Respekt, Regeln und Rituale - und was ich außerdem vermissen werde
Erkenntnisse eines längeren Japanaufenthaltes
Das, was mich sehr beeindruckt und was ich mir bei uns auch wünschen würde, wäre das - durchaus ritualisiert - höfliche Miteinander.
Der singende Tonfall, mit den man in Läden, Restaurants, Bussen, Hotels und wo auch sonst begrüßt wird, ist standardisiert höflich und freundlich. Man mag das als ‚Masche‘ empfinden. Mir ist diese ‚Masche‘ allerdings ein Vielfaches lieber als Muffeligkeit.
Auch das Verbeugen dem anderen Gegenüber ist sicher gewöhnungsbedürftig. (Über Tiefe und Dauer gibt es hinreichend Literatur.) Ich kann den Respekt, der in dieser Geste steckt und der oft auch überzeugend überkommt, durchaus annehmen und erwidere ihn gerne.
Sicher lässt sich Respekt auch anders ausdrücken. Und es gibt durchaus Verbeugungen, bei denen ich mich frage, ob ich Grenzen als überschritten empfinde. Dennoch ziehe ich diese Form der Übertreibung vielen anderen Möglichkeiten des Begrüßens vor.
Ritualisierte Formen des Grüßens lassen sich auch im öffentlichen Nahverkehr beobachten. Die Dienstübergabe in Zug und U-Bahn geht auf eine Art und Weise vonstatten, dass wir als Deutsche staunen, wenn wir es zum ersten Mal sehen. Sehr förmliche in der Regel gleich ablaufende Körper- und Handbewegungen, die beide Seiten perfekt beherrschten. Das vermittelt den Beteiligten auch Sicherheit.
Genauso trifft man es an, wenn z.B. ein local train abfährt. Ein fester Ablauf von Kontrollbewegungen und dazugehörigen Sprüchen/Phrasen, deren Vollzug sicherstellt, dass kein Schritt vergessen wird und alles am Ende ordnungsgemäß durchgeführt wurde.
Übertrieben? Vielleicht.
Übertrieben, dass der Busbegleiter, der beim Fernbus die Koffer einpackt und die Tickets kontrolliert, sich verneigt, wenn der Bus abfährt?
Übertrieben, dass jede noch so kleine Baustelle von mindestens zwei ‚Hilfssheriffs‘ betreut wird, die einen als Fußgänger mit Kelle und großen Armbewegungen an der Gefahrenstelle vorbei navigieren und über Zebrastreifen lotsen, als ob man um Leib und Leben fürchten müsste.
Übertrieben vielleicht, dass in der Stadt an jeder Parkgaragenausfahrt ein ‚Sheriff in Livrée‘ steht, der den ausfahrenden Wagen hilft, sicher in den fließenden Verkehr einzufädeln.
Ja. Vielleicht übertrieben. Aber doch auch ein gutes Gefühl des ‚Wahrgenommenwerdens‘.
Was werde ich noch vermissen?
Die vielen guten Ideen, die einen den kleinen Alltag erleichtern.
• die Vorrichtung in Geschäften, mit deren Hilfe man einen nassen Regenschirm in eine Plastikhülle bringt und so innerhalb des Ladens nichts nass macht
• die Kombination aus Verpackungsmaterial, Tesa, Schere und Kordel, die sich in jedem Supermarkt hinter der Kasse befindet und die man frei nutzen kann
• die Kinder‘halterungen‘ in den Toiletten, in die man das Kleinkind setzen kann, während frau selber…( ob die eigentlich auf in den Männertoiletten auch sind?)
• die elektrischen Schuhtrockner, die im Eingangsbereich der Hostels standen
• die safety belts an Kinderstühlen in Restaurants
• Die Verpackungen der hartgekochten Eier, die es ermöglichen, das Ei zu essen, ohne es zu berühren
• die kleinen, niedrig angebrachten Waschbecken für Kinder in öffentlichen Bereichen
• Die Gardinen zwischen den Sitzen bei Fernbussen, damit man seine Privacy hat
• die mobilen Ankleiden in Kaufhäusern- natürlich mit Schuhen davor
• die Bodenkörbe in Restaurants und Cafés, in denen Frauen ihre Taschen abstellen können, sodass diese von unten nicht verdrecken
• die Raucher`käfige´: kleine Räumlichkeiten/Absperrungen, in die RaucherInnen sich begeben, um ihrer Lust zu frönen. Manche dieser Räumlichkeiten weisen im Inneren Markierungen auf. Sollten alle Markierungen besetzt und der Raum damit gefüllt sein, warten weitere Personen draußen, bis ein Platz frei geworden ist und sie nachrücken können
• die Lesebrillen, die in verschiedenen Stärken auf Tischen in öffentlichen Gebäuden liegen, an denen Formularen ausgefüllt werden müssen
• Dde Ehrlichkeit!: pop-up-Verkaufsstände z.B. in Bahnhöfen bedecken ihre Ware abends mit einem Tuch…und ziehen dieses Tuch morgens wieder weg…und nichts ist gestohlen!
• die genialen Einportionskaffeefilter
• ….. und überhaupt noch ganz viel mehr. Fortsetzung folgt….
Jutta Biesemann, März 2024